Schenkt mehr Kunst!

Warum sich den Kopf über Weihnachtsgeschenke zerbrechen, wenn man die tollste Kunst schenken kann? Hier kommen 10 schlaue, schöne und hochrelevante Empfehlungen von 40 bis 900 Euro.

Götz Sophie Schramm, ELEMENTE UND URSPRÜNGE TOTALER HERRSCHAFT (Titel Hannah Arendt, Asterisk und Kirby auf Gewebe), 2022. Courtesy the artist and Galerie Anton Janizewski.

Erhabene Relikte von Malte Bartsch

Malte Bartsch

„Wärmetauscher“, 2022

Edelstahl, Styrofoam, 30 x 5 x 49,5 cm

Serie von 5 Unikaten (+2 AP)

900€ bei Distanz

Der Technologie des Alltags wohnt erhabene Schönheit inne, und Malte Bartsch bringt sie ans Licht, zum Beispiel indem er Maschinenteile für seine Kunst nutzt, die normalerweise unsichtbar verbaut und gar nicht für eine ästhetische Betrachtungsweise gestaltet worden sind. Bartsch geht es aber nicht einfach nur um ein formales Spiel, sondern um den Versuch der Erfassung von Zeit als so unbestimmte wie bestimmende Entität. Die Korrosionsspuren auf den Metallprofilen der Serie „Wärmetauscher“, bestehend aus fünf Unikaten und erhältlich im Editionsprogramm des Verlags Distanz, bringen die konträren Aspekte von Zeitempfinden zwischen Flüchtigkeit und Endgültigkeit auf den Punkt.

Menschliche Handreichung von Ivan Perard

Ivan Perard

„Anthropomorphic Displacement“, 2021

Akryl, Lack, Tinte auf PLA, 20 x 10 x 7 cm

Ed. 20 (+ 5 AP)

296€ bei CAT

Warum sind künstliche Organismen so beunruhigend, wenn sie doch menschgemacht und dem Menschen nachempfunden sind? Die Arbeiten von Ivan Pérard sind oft im Uncanny Valley angesiedelt und erforschen das ambivalente Verhältnis des Menschen zu seinen technoiden Kreationen als Beweise menschlicher Schaffensmacht, aber auch mögliche Vorboten einer Machtübernahme. Die zum Geben oder Nehmen ausgestreckte und aus der Wand ragende Hand verbindet menschliche und anorganische Züge und kann nicht nur als Einladung zu einer friedlichen Koexistenz verstanden werden, sondern auch als Aufforderung, sich als Mensch ganz grundsätzlich nicht ins Zentrum allen Seins zu stellen.

Gedruckte Digitalität von Jonas Lund

Jonas Lund

„No. 7/No. 100010 (Orange, Blue, Yellow)“ (links) und

„No. 15/No. 60010 (Purple, Red, Orange), 2022

Giclée-Druck auf Archivpapier, 80 x 60 cm

jeweils Ed. 12

420€ (gerahmt) bei Office Impart

Kaum jemand bringt den Einfluss technologischer Möglichkeiten auf künstlerische Praxis so auf den Punkt wie Jonas Lund. Die hier vorgestellte Serie entsteht durch Einsatz eines neuronalen Netzwerkes, das, mit den Werken gehypter Künstlerinnen und Künstler gefüttert, Werke von absoluter Perfektion und scheinbar universaler Aussagekraft hervorbringt. Der hochwertige Giclée-Druck in Museumsqualität auf dichtem matten Papier verleiht den Motiven zusätzliche Tiefe und verstärkt ihre zeitlose Anmutung. Die Motive der Serie unterscheiden sich zum Teil signifikant, verfügbare Arbeiten erfragen bei Galerie Office Impart.

KI-getunt Bomberjacke von Ivonne Thein

Ivonne Thein

„Bomber Jacket“

Softshell Jersey, Innenfutter Satin

Ed. 30

470€ über Studio Ivonne Thein

Das Aufkommen von Künstlicher Intelligenz beeinflusst nicht nur die Ergebnisse menschlicher Schaffensprozesse und deren Bewertung, sondern auch unser Verständnis von uns selbst. Ivonne Thein erforscht den Wandel von Körperbildern unter dem Einfluss digitaler Kultur und nutzt dafür selbst die Möglichkeiten neuer Technologien. Die Motive auf ihrem „Bomber Jacket“ etwa sind in Zusammenarbeit mit einer KI entstanden. Wer diese Jacke trägt, vereint die eigene Körperlichkeit und das, was eine Zukunftstechnologie möglicherweise eines Tages daraus macht – und sieht darin wahrscheinlich auch noch sehr gut aus. Handgefertigt für unterschiedliche Körperformen und -größen.

Vereinfachte Komplexität von Arno Beck

Neue Technologien stellt man sich immer so hochkomplex und kaum beherrschbar vor, aber Arno Beck verwandelt den Nimbus des Undurchdringlichen durch einen zum Teil gnadenlos analogen Zugang und eine gute Portion Humor. Was nach Digitaldruck aussieht, kann durchaus mithilfe einer mechanischen Schreibmaschine entstanden sein, und Versatzstücke digitaler Bildproduktionstechniken werden etwa als Risographie ausgespuckt (von sogenannten Risographen, Kopierer-ähnlichen Minidruckereien für siebdruckartige Drucke in Kleinstauflagen), wie in dieser Edition, deren Name auf ein Phänomen aus der Computerprogrammierung wie Astrophysik verweist – es ist halt alles miteinander verknüpft.

Arno Beck

„Spacenode“, 2022

Risographie auf Laid Paper (gerippt), 39 x 31 cm

Ed. 20

300 Euro (ungerahmt) bei Falko Alexander

Zärtliches Pixel-Feuerwerk von P1x3lboy

Im Rahmen des Projekts „Tribute to Herbert W. Franke“ zollten prägende Positionen zeitgenössischer Digitalkunst einem der wichtigsten Begründer der Computerkunst Tribut. Ein Teil der Verkaufserlöse der beigesteuerten Werke dient dem Erhalt der Franke-Stiftung, und ein paar sind noch verfügbar, unter anderem ein generativer Pixeltanz von P1x3lboy, der Werke von Franke zitiert und sich in rotierenden Bewegungen entfaltet. Der Künstler stellt einige Parameter zur Einflussnahme bereit (Änderung von Bewegungsmustern oder Hintergrundfarbe), so dass sich Beschenkte durchaus über eine personalisierte Variante freuen können (natürlich nur, sofern sie über ein Wallet verfügen, an welches man ihnen das NFT schicken kann).

P1x3lboy

„Indefinite Glitter“, 2022

Animierte, interaktive Digitaldatei als NFT

Ed. 256

10 XTZ (ca. 9€) bei FXHash

Mitgliedschaft im Super Super Markt

Im Kunstbetrieb werden mittlerweile doch tatsächlich Zugangsbarrieren bzw. Hemmschwellen abgebaut, um interessierten Einsteigern Kontakt zur Kunst auf Augenhöhe zu ermöglichen. Gutes Beispiel: der Super Super Markt. Von der Ausstellung im Späti bis zum eigenen Editionsprogramm, hier ist alles auf offene Vermittlung ausgelegt. Deshalb kostet die Jahresmitgliedschaft auch nur 50€, allerdings ist sie auch unumgänglich, um an die attraktiven Editionen von jungen Positionen bis zu etablierten Namen (sogar Michel Majerus war schon dabei) zu kommen, wie z.B. diese hier von Florian Genzken, die in Form von Fingerspuren auf Smartphone-Displays die Beziehung von Oberfläche und Oberflächlichkeit behandelt.

Florian Genzken

„Snow White“, 2021

Digitaldruck, 42 x 30 cm

Ed. 25

150€ (gerahmt 230€) bei Super Super Markt

Versöhnende Gesten von Götz Sophie Schramm

Polarisierung, Filter-Bubble-Selbstreferentialität und Kampf um Deutungshoheit: Generation Y gegen Boomer, Mann gegen Frau, Binär gegen Nonbinär, Konflikt statt Miteinander prägen den Diskurs, vor allem den öffentlich geführten. Aber dann gibt es Positionen wie die von Götz Sophie Schramm. Selber ein Kind der aktuellen Diskurskultur, wirbt Schramm in ihrer Kunst um verständnisvolles Miteinander und Zugewandtheit zueinander und zu den Dingen, die uns alle umgeben. Klingt naiv? Ist alles andere als das. Tatsächlich nämlich ist die Idee eines kollektiven Bildgedächtnisses, das von kunsthistorischen Referenzen bis zur Internet-Meme-Kultur reicht, quasi gleichbedeutend mit einem kollektiven Verständnis von Gesellschaft im sozialen und kulturellen Sinn. Darüber hinaus macht die malerische und kompositorische Versiertheit dieser Werke (in den großen wie den hier vorgestellten kleinen Formaten) ihre Betrachtung zu einer so freudvollen Angelegenheit, dass allein darin schon ein Beitrag für eine bessere Welt steckt.

Götz Sophie Schramm

„ELEMENTE UND URSPRÜNGE TOTALER HERRSCHAFT (Titel Hannah Arendt, Asterisk und Kirby auf Gewebe)“, 2021-2022. Öl und Acryl auf Leinen, 15 x 30 cm

Weitere Arbeit siehe Titelabbildung dieses Beitrags:

„IT’S FUNNY BECAUSE ITS TRUE (Internetspruch, Hund einer Hyundai Werbekampagne, Bundesadler und Smiley Face auf blauem Lichttunnelfarbverlauf mit Schatten)“, 2020. Öl auf Leinen, 30 x 15 cm

Unikate, jeweils 750€, erhältlich bei Galerie Anton Janizewski

Perfekt getäuscht von Johannes Bendzulla

Johannes Bendzulla

Katalog 45€ erhältlich im Kettler Verlag, 2022

Editionsmotive: jeweils Inkjet-Print auf Hahnemühle,

29,7 x 21 cm, Ed. 15 (+ 3 AP)

Katalog zzgl. 1 Motiv 250€, zzgl. 2 Motive 450€ (zzgl. MSt.)

Editionen erhältlich direkt beim Künstler

Die Perfektion digitaler Oberflächen kontrastiert Johannes Bendzulla mit Versatzstücken organischer Materie oder Referenzen aus der Welt, wie wir sie kennen, und komponiert daraus aus mehreren Ebenen bestehende Bildräume, die einen schwindelig machen können. Dass Bendzulla immer wieder Zähne als konkret definierbaren Bildgegenstand integriert, trägt leider nicht wirklich zur Orientierung bei, sondern verwischt die Grenzen zwischen organisch und anorganisch, echt und künstlich nur noch mehr. Sein jüngster Katalog ist ein Fest für die Augen, und wer will, bestellt noch eine Edition dazu oder sogar zwei (links eines von zwei möglichen Motiven zur Auswahl).

Raumwunder von Mittelalter bis Metaverse

Der Ansatz dieser jüngst erschienenen Kompendiums von Beiträgen aus unterschiedlichen Disziplinen wird alle ansprechen, die sich für das Zusammenspiel von Kunst und Wissenschaft oder Technologie bei der Erschließung von Räumen interessieren, und die historische Einordnung dieses Zusammenspiels vom Mittelalter bis zu aktuellen Metaverse-Debatten lässt rote Fäden erkennen, die als Leitplanken zukünftige Entwicklungen einordnen helfen können. Entstanden aus Anlass einer aktuellen Ausstellung im Franciso Carolinum Linz, wird die Halbwertzeit dieser Publikation über die der meisten aktuellen Publikationen zum Thema Metaverse wahrscheinlich weit hinausreichen.

„Meta.space – Visions of Space from the Middle Ages to the Digital Age“,

Hg. Alfred Weidinger et al, Distanz, 2022

38€, erhältlich bei Distanz

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