Die Krone der Schöpfung?

Wenn KI schon jetzt fast alles besser kann als der Mensch, warum sollte sie dann vor seiner Kreativität halt machen? Die Fähigkeit, Neues zu erschaffen, ist kein menschliches Alleinstellungsmerkmal mehr – und kann trotzdem den Fortbestand der Menschheit sichern

Mythische Schöpfung… Stonehenge, ein Rätsel für Menschheit wie KI

Einer gängigen Einschätzung zufolge wird KI innerhalb kürzester Zeit so ziemlich alles besser können als der Mensch – außer kreativ sein. Aber worauf bitte fußt diese Einschätzung? Auf Logik ja wohl kaum, denn was soll eine selbstlernend Neues produzierende Entität denn anderes sein, wenn nicht kreativ. Also wohl mehr auf der Angst, nicht mehr als Krone der Schöpfung zu gelten, sobald auch andere Organismen gleichermaßen schöpferisch wirken können. Dabei wäre genau das Anlass zur Freude, denn das Wesen von Kreativität besteht darin, sich von bereits vorhandener Kreativität beflügeln zu lassen und immer noch einen draufzusetzen. Weshalb nicht anzunehmen ist, dass KI den Menschen ersetzen wird, sobald sie ebenfalls die Motivation und Fähigkeit zum Schöpfen erlangt hat.

Kreativität braucht mehr Wertschätzung

Auch wenn Kreativität nicht länger einzig dem Menschen vorbehalten bleiben sollte, für die Sicherung seiner Daseinsberechtigung ist sie umso essentieller: Wenn wir daran glauben, weiterhin selber Neues hervorbringen zu können (und zwar unabhängig davon, welche anderen, nichtmenschlichen Quellen dies ebenfalls tun), werden wir auch weiter existieren. Und damit wären wir bei des Pudels Kern: absurderweise ist es mit unsere Wertschätzung von Kreativität nämlich nicht so weit her, und das, obwohl sie als menschliche Superkraft gilt. Die einen sprechen angesichts massenhaft KI-generierter Inhalte abfällig von „AI Slop“, also KI-Schrott, obwohl sie selber nicht mal ein Strichmännchen zeichnen können, die anderen bezeichnen sich beruflich als „Kreative“ und generieren automatisierten Fließband-Content. Gerade im Umfeld sogenannter Kreativagenturen, wo man doch so gern outside the box denkt, geht es am Ende immer darum, möglichst middle of the road zu bleiben. In der Schule winkt immer noch Gedichte auswendig lernen statt Creative Writing, der Kunstbetrieb wehrt sich standhaft gegen jede Erweiterung des Kunstbegriffs (in völliger Verkennung übrigens, dass ausgerechnet Kunst den Schlüssel zur Zukunft der Menschheit bedeuten könnte), ganz zu schweigen von der feindlichen Politik Selbständigen gegenüber, weil eigenverantwortlich unternehmerisches Handeln (wobei eine Unternehmensgründung absolut als Kreativleistung gelten darf) unkontrollierbare Innovationskräfte freisetzen könnte… Die Liste an Kreativitätsvereitelungen ist lang. Wenn wir es aber ernst meinen mit „Kreativität als Schlüsselkompetenz“, wie es neuerdings überall heißt, sollten wir sie auch entsprechend würdigen, aber so richtig: und zwar als Ermöglicher einer neuen Entwicklungsstufe! Dank unserer Schöpfungskraft sind wir nämlich über Homo sapiens so langsam hinaus.

Vom Homo sapiens zum Homo imaginans

Lange hat sich der Mensch über das Erlangen von Verständnis definiert – der verstehende, kluge, wissende Mensch, das ist die Definition von Homo sapiens. Aber sind wir das noch? Biologisch gesehen vielleicht schon, aber in Sachen Weltsicht und Lebensführung hat der heutige Mensch nichts mehr mit der vor rund 45,000 Jahren etablierten Menschenart zu tun. Der Mensch von heute passt sich nicht mehr an die Umwelt an, er gestaltet sie. Er begnügt sich nicht mehr damit zu verstehen, was ist, er denkt sich aus, was sein kann, und formt seine Welt nach seiner Vorstellung. Wir haben uns weiterentwickelt, und wir brauchen eine neue Bezeichnung dafür.

Wie wäre es mit Homo imaginans? Einen spezifischen Ursprung scheint dieser Begriff nicht zu haben, aber in Philosophie, Soziologie, Kunst taucht er immer wieder mal auf. Genau wie die Bezeichnungen Homo creativus oder Homo creans (etwa in einer so betitelten Publikation der Philosophin Johanna Eder), aber Homo imaginans passt insofern besser, als nicht jeder Mensch kreativ tätig ist, aber jeder Mensch verfügt über Vorstellungskraft als notwendige Voraussetzung für Kreativität. Wobei es natürlich unterschiedliche Formen von Kreativität gibt, problemlösende und schöpferische, und die Philosophiegeschichte von Kant (Imagination als Form des Denkens) über Sartre (als Befreiung von der Realität ins Noch-Nicht-Seiende) bis Nietzsche (als Umwandlung von Bestehendem in Neues) voll ist von unterschiedlichen Definitionsansätzen, aber egal welche davon wir anwenden wollen, wir sind über den verständniserlangenden Homo sapiens hinaus, und auch über den mittels Technik und Gestaltungskraft seine Umwelt gestaltenden Homo faber, um mal einen Begriff aus der römischen Antike zu zitieren, den unter anderem Hannah Arendt wieder hervorholte, um den selbstwirksam agierenden Menschen der Moderne daran festzumachen. Aber bevor wir uns verzetteln, sei noch einmal die Kernthese zusammengefasst: Die Ausübung von Kreativität als Schlüsselkompetenz hebt den Menschen vom Homo sapiens auf eine neue und auch gegen andere kreative Instanzen bestehende Entwicklungsstufe, und die sei hier einfach mal mit Homo imaginans benannt.

Diese höhere Entwicklungsstufe basiert nicht mehr auf Optimierung des Bestehenden (Veränderungen unserer Biomasse wie das Schrumpfen unserer durchschnittlichen Körpergröße wirken ja eher wie Fehlerkorrekturen), sondern auf Erschließung von Neuem über die bisherigen Grenzen der menschlichen Spezies hinaus. Im Zeitalter von Automatisierung und selbstlernenden Maschinen tritt unsere Fähigkeit, Dinge zu produzieren und Wissen zu erwerben, hinter die Fähigkeiten der von uns erschaffenen Technologien zurück, gleichzeitig können wir mehr Zeit denn je auf unsere Vorstellungskraft verwenden und dank Technologie in ehemals unerreichbare Räume (Weltraum) und Zeiten (hohes Alter) vordringen und sie mit neu erdachten Dingen füllen. Kreativität ist unser Evolutionstreiber, und je mehr wir sie einsetzen, desto mehr Raum erschließt sie uns. Bedeutet dies nicht nur mehr, sondern sogar verbesserte Kreativität? Und wenn ja, käme uns da nicht dann doch die angenommene Überlegenheit von KI in die Quere?

Ist die Güte von Kreativität messbar?

Die Güte eines Industrieproduktes ist dank Normen und messbarer Qualitätsstandards bestimmbar, für die Güte einer wissenschaftlichen Arbeit oder eines Drei-Gänge-Menüs gilt das schon nicht mehr ganz so klar, weil sich objektive Kriterien hier mit subjektiver Einschätzung und individuellem Geschmack vermengen dürften, und bei einem Kreativerzeugnis wie ein Roman, Film oder Kunstwerk wird es wirklich hakelig. Man kann definieren, was Kunst ist (wollen viele nicht hören, ist aber so), und man kann Kunst „gut“ oder „schlecht“ finden, aber das beste Kunstwerk ermitteln? Oder den besten Menschen? Schwierig, weshalb es immer mehrere beste Dinge gleichzeitig gibt – die ihren Bestenstatus jederzeit wieder verlieren können. Was heute als zeitloses Meisterwerk gilt, wird in ein paar Jahren, egal ob hundert oder tausend, niemand mehr kennen, eine prägende Persönlichkeit fällt irgendwann dem Vergessen heim. Vergessen wir also die Idee, es gäbe eine objektiv bessere Kreativität, oder eine Kreativität, die dauerhaft nach denselben Bewertungskriterien bemessen wird und für jeden und alles Bestand hat. Wo wir bei einem weiteren Punkt wären, dem Ende der Menschheit in ihrer jetzigen Form, welches als genauso besiegelt gilt wie das Ende von allem, auch KI wird irgendwann etwas anderes sein als KI. Aber das Tolle ist, wir haben die Wahl: Entweder wir warten untätig wie das Kaninchen vor der Schlange verharrend darauf, von einer höher entwickelten Technologie aufgefressen zu werden, oder wir verbringen noch ein paar tolle Jahre bis Jahrtausende in Ko-Existenz mit organischen und nichtorganischen Organismen, oder wir durchlaufen einen Transformationsprozess und gehen in etwas ganz Neuem auf – und Neues, das entsteht aus Kreativität.

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