Ein vor kurzem in Berlin gezeigtes Werk von Pierre Huyghe wurde von der Kritik weitgehend als frauenfeindlicher AI Slop abgetan. Aber vielleicht war die intendierte Aussage eher menschenfreundlich?

Was bleibt von einer Ausstellung nach Ende ihrer Laufzeit? Die Kritiken. Im Fall von „Liminals“, einer großformatigen Filminstallation von Pierre Huyghe, vor kurzem von der LAS Art Foundation in der Halle am Berghain gezeigt, stießen vor allem die deutschsprachigen Kritiken ins selbe Horn wie die zuerst erschienene (von Tobias Timm in DIE ZEIT) und degradierten das Werk zu frauenfeindlichem AI Slop. Weil es für Kunst immer gut ist, wenn sie unterschiedlichen Perspektiven ausgesetzt wird, sei hier noch eine andere Lesart nachgeschoben.
Vorweg zu einem Punkt, in dem man den Kritiken nur zustimmen kann, nämlich den bemängelten technischen Schwächen, die neben den in der Projektion eingeblendeten Warnungen vor Überhitzung (und das in einer ansonsten eher untertemperierten Halle) vor allem den Sound betrafen. Das Berghain hat immer noch eines der besten Soundsysteme der Welt, nicht nur für DJs, sondern auch Künstler wie Carsten Nicolai, der erst letztes Jahr hier dessen Möglichkeiten ausreizte, und auch die anhängende Ausstellungshalle unterliegt der Aura des Soundtempels. So eine Aura lässt sich natürlich brechen, und vielleicht war dies das erklärte Ziel, aber die vermeintliche Vertonung von Quantenbewegungen, die für sinnliche Verstörung sorgen und laut Ausstellungstext eine „dichte klangliche Erfahrung“ erzeugen sollte, konnte wirklich nur als Soundschrott bezeichnet werden.

Es gab also einiges zu kritisieren, aber die Installation wegen ihres augenscheinlich mageren visuellen Gehalts als „AI Slop“ und wegen einer weiblichen Figur, deren Gesicht aus einem schwarzen Loch besteht, als frauenfeindlich abzutun, greift zu kurz. Um AI Slop handelt es sich allein schon deshalb nicht, weil der Inhalt nicht schablonenhaft, sondern originär ist (oder wimmelt es in Social-Media-Feeds nur so von in menschenleeren Landschaften umherwandernden nackten Frauen mit Loch im Gesicht?), und die vermeintliche Inhaltsleere könnte auch als Einladung gemeint sein, die Ödnis als Reflexionsraum mit eigenen Bildern zu füllen, wozu mit 50 Minuten Länge (auch dies spricht gegen die Bewertung als AI Slop, der typischerweise kurz und schnell konsumierbar ist) mehr als genug Zeit zur Verfügung stand.
Frauenfeindlich oder menschenfreundlich?
Was den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit betrifft, stellt sich die Frage, ob ein seit Jahrzehnten international und thematisch vielseitig tätiger Künstler wie Pierre Huyghe wirklich so ignorant sein konnte, eine derart platte Steilvorlage dafür zu liefern. Vielleicht ging der Künstler auch einfach davon aus, dass sich das Betrachterauge auf das Angebot des Werkes, es in einen „state of uncertainty“ zu versetzen, einlassen und einen komplexeren, tieferen Blick darauf werfen würde? Die LAS Art Foundation jedenfalls muss genau diesen Vorwurf erwartet haben und sprach deshalb in der Pressemitteilung von einer „gesichtslosen, menschenähnlichen Gestalt“, als ob das davon hätte ablenken können, dass diese Figur völlig klar als weiblicher Körper erkennbar war, komplett mit Brüsten und einer Kaiserschnittnarbe – und dass genau diesem Detail so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, ist verblüffend, birgt es doch den Schlüssel zu einer ganz anderen Lesart des Werkes.
Existieren tut der Kaiserschnitt seit der Antike, in seiner nicht zum Tod führenden und künftige Gebärfähigkeit wahrenden Form wurde er aber erstmals 1881 durchgeführt. Seit der Perfektionierung von medizinischen Errungenschaften wie Asepsis, Transfusionen und Anästhesie Anfang des 20. Jahrhunderts gilt er als sichere Geburtsmethode. Zwar fällt er nicht unter die Reproduktionstechnologie, bedeutet aber einen wichtigen Schritt auf dem Weg dahin: er erlaubt der Frau die Emanzipation von den vorgegebenen Funktionsweisen ihres Körpers. Notfälle ausgenommen, kann sie selbst entscheiden, auf welche Weise sie gebären, neues Leben in die Welt bringen will. Die Kaiserschnittnarbe steht also für eine Ermächtigung des Selbst durch Erhebung über den eigenen Körper – und damit wären wir beim Transhumanismus, einer Entwicklung, die von den einen als Befreiung und nächste Zündstufe menschlicher Evolution gefeiert und von den anderen als Ende der Menschheit erachtet wird.
Abschied vom menschlichen Körper
Während sich der Mensch also gewissermaßen von sich selbst entfernt, indem er seine Weiterentwicklung in die Hände der Technologie gibt, wird diese wiederum von andere Seite mit allem befüllt, was den Menschen ausmacht – Sinnlichkeit, Emotionalität, Intellekt –, und zwar von der Kunst. Auf diese Weise sind Mensch, Kunst und Technologie untrennbar miteinander verbunden, als Teil eines gemeinsamen Evolutionsprozesses über den menschlichen Körper hinaus.
Vielleicht ist Huyghes Frauenkörper mit Kaiserschnittnarbe ein Sinnbild für den Mensch an der Schwelle zu dieser neuen Evolutionsstufe, verbunden mit dem Aufruf, nicht den Glauben an die eigene schöpferische Kraft zu verlieren und in einer dunklen Ödnis zu versinken. Und ein Frauenkörper musste es sein, weil ohne ihn kein Mensch das Licht der Welt erblickt. Eine Frau kann diese Verantwortung als Last empfinden, aber auch als Macht – wenn alle Frauen der Welt kollektiv entscheiden würden, das Kinderkriegen einzustellen, könnten sie das Ende der Menschheit herbeiführen. Das genauso blühen würde, wenn Menschen aufhörten, Kunst zu machen oder Zukunftsvisionen zu entwickeln. „Liminals“, der Titel des Werkes, bezeichnet die Schwelle oder das Kippmoment von einem Zustand zum anderen. Der Mensch steht tatsächlich vor dem Eintritt ins nächste Kapitel seiner Schöpfungsgeschichte. Jenseits dieser Schwelle hat er es, ungeachtet seines Geschlechts, selber in der Hand, seine Zukunft selber zu zeugen und gebären.
