Nach wie vor zeigen wenige Berliner Galerien technologiebasierte Kunst, aber anlässlich des Berliner Gallery Weekends 2026 wird man trotzdem fündig, bei Galerien und anderswo.

Kunst im Interessenkonflikt
Als Pionier im Umgang mit Algorithmen und KI in der Kunst schlägt sich Mario Klingemann nicht erst seit dem Aufkommen von AI Slop mit dem Phänomen des massengenerierten Bildes und den damit verbundenen Grenzen der Aufmerksamkeitsökonomie herum. Wie kann er die Welt, aus der er Impulse bezieht und in welcher er seine Kunst zeigt, ausblenden und zugleich nutzen? Kuratiert von Anika Meier, konfrontiert Klingemann hier seine eigenen „Conflicts of Interest“, SLEEK Art Space, Eröffnung am 27. April um 18 Uhr, RSVP erforderlich, Talk um 2. Mai um 11 Uhr

Leben auf der Rolltreppe
Unter den drei Positionen der neuen Ausstellung im Fluentum (Ausstellungsort für zeitbasierte Medien) ist Tina Keane hervorzuheben, nicht nur, weil die britische Künstlerin (*1940) eine Pionierin der Medienkunst ist, sondern auch weil die voll rekonstruierte Version einer ikonischen Arbeit von ihr gezeigt wird, Escalator von 1988. Darauf zu sehen eine endlose Abfolge von Geschäftsleuten und Obdachlosen auf Rolltreppen, ein zwar basales, aber wirkungsvolles Symbol für gesellschaftlichen Aufstieg und Fall. „Demolition/Escape. Tina Keane, Hilary Lloyd, James Richards“, Fluentum, Eröffnung 28. April 18-22 Uhr
Institutioneller Ritterschlag
Vor ein paar Jahren hätte ihn Berlin nicht mit der Kneifzange angefasst, auf einmal reißt man sich um ihn: Beeple zeigt seine Roboterhunde mit Köpfen männlicher Ikonen der Sichtbarkeit von Picasso bis Musk in der Neuen Nationalgalerie – das zuerst in der Digitalkunstsektion „Zero 10“ bei der Art Basel Miami Ende letzten Jahres gezeigte Werk sorgte für derartige Begeisterung bei Kuratorinnenikone Carolyn Christov-Barkaviev, dass es sich damit auch für höhere institutionelle Weihen qualifizierte. Außerdem gibt’s jeden Tag gefühlt zwei Talks mit Beeple, z.B. einen mit Kuratorin Lisa Botti am 1. Mai um 12.30h. „Beeple. Regular Animals“, Neue Nationalgalerie, Eröffnung 28. April um 19 Uhr

Zurück zur Natur oder weg davon?
Was macht man in Zeiten technologischen Wandels und ökologischer Krisen? Man könnte sich abwenden, zurückziehen – aber müsste man sich in letzter Konsequenz nicht vom eigenen Körper lösen oder komplett verschwinden? In einer Doppelpräsentation mit Maler Emanuel Heim widmet sich die chinesische Künstlerin Hua Wang der Frage nach dem Wandel des Selbst und hat dafür unter anderem eine eigene spekulative Blockchainwährung entwickelt. „Natural Inversions“, kuratiert von John Silvis, Eröffnung 30. April 15-20 Uhr
Zukunft der Kunstwelt
Im Rahmen des Gallery Weekends finden in der Neuen Nationalgalerie eine Reihe von Art Talks statt, unter anderem eine Podiumsdiskussion zu einem aktuell heiß diskutierten Thema, nämlich zur Zukunft der Kunstwelt, wobei einen fast das Gefühl beschleicht, die Kunstwelt könnte keine haben, wenn sie in Sachen Innovation weiterhin so schlapp dahinschlurft… Gallery Weekend Art Talks, „The Future of the Art World“, mit Marion Ackermann (Präsidentin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz), Grace Yao (Gründerin und CEO, Artlas) und Thomas Girst (Global Head of Cultural Engagement, BMW Group), moderiert von András Szántó (Autor und Berater für Kulturstrategie), 1. Mai um 11 Uhr
Mikroskopische Dimensionen
Kaum ein Werkzeug hat einen so wertvollen Beitrag zur Entwicklung der Naturwissenschaften und Medizin geleistet wie das Mikroskop. In der Kunst ist es allerdings nicht so richtig in Erscheinung getreten, schon gar nicht als Mittel zur Innovation. Dabei ist ein Verständnis von Strukturen und Texturen von Oberflächen gerade in der Kunst so wahnsinnig wichtig. Bei der Betrachtung denkt man nur nie daran, wie sehr der eigene Blick auch und gerade von der Beschaffenheit des betrachteten Dings gelenkt wird. Tauba Auerbach beschäftigt sich intensiv mit mikroskopischen bis kosmischen Dimensionen und hier mit dem ephemeren Wesen mikroskopischer Seifenblasen. „Tauba Auerbach. Easy Assembly“, Esther Schipper, Eröffnung 1. Mai um 18 Uhr

Keinesfalls auf dem Holzweg
Wer auf dem „Holzweg“ ist, hat sich verirrt, so die heutige Bedeutung, der Erfinder des Holzweges, Philosoph Martin Heidegger, meinte damit einen Weg ins Offene, und das ist ja eher etwas Gutes, zumal wenn man gern neue Kunst entdeckt. Was das betrifft, wird man bestimmt fündig bei dieser mit „Holzweg“ betitelten und eine super Künstlerliste umfassende Gruppenausstellung, die sich zwar nicht explizit mit Technologie beschäftigt, aber den Zusammenhang zwischen Realität und Wahrnehmung erforscht und angesichts der Möglichkeiten zur Realitätserweiterung durch Technologie halt doch irgendwie mit Technologie zu tun haben könnte. „Holzweg“, Mutter, Eröffnung am 1. Mai, 18-22 Uhr
KI wuppt den Kunstbetrieb
Während die einen noch rätseln, ob mithilfe von KI entstandene Kunst überhaupt als Kunst durchgehen kann, geht Jonas Lund schon einen Schritt weiter und lässt seinen KI-Agenten gleich den ganzen Betrieb übernehmen, von der Produktion über die Verbreitung und Bewertung von Arbeiten bis zum Aufrechterhalt des Ausstellungsbetriebs. Auf der Projektseite kann man einsehen, welche Werke gerade in Produktion sind. Wer der KI selber zur Hand gehen will, kann sich hier als Assistent bewerben, und in der Galerie kann man das Ganze live erleben. „Jonas Lund. Performance Review“, OFFICE IMPART, noch bis zum 29. Mai, Live-Betrieb Mi-Sa 15-18 Uhr
Alles andere als Fliegenschiss
Dass „Fliegenschiss“ alles andere als belanglos ist, beweist Maximilian Prüfer in seiner neuen Ausstellung von mittelformatigen Leinwänden, die auf den ersten Blick wie pointillistisch monochrome Zeichnungen wirken, in Wahrheit aber das Ergebnis unzähliger Fliegen ist, die dank einer von Prüfer entwickelten Technik auf den präparierten Flächen ihre Spuren hinterlassen haben. Das stellt kunstspezifische Fragen nach künstlerischer Autonomie und Kontrollierbarkeit von Schaffensprozessen, es geht aber auch über die Kunst hinaus um die Möglichkeiten der Urbarmachung von Naturphänomenen mithilfe von Technologie. „Maximilian Prüfer. Ein Bild findet Gnade“, Sexauer, noch bis 6. Juni
Alle teilnehmenden Galerien und Programmpunkte zum Gallery Weekend Berlin 2026