Pünktlich zu ihrem Jubiläumsjahr hält die Quantenmechanik Einzug in die Kunst. Von so etwas wie „Quantenkunst“ kann zwar keine Rede sein, von einer Seelenverwandtschaft dafür durchaus.

Hört man aktuell nur deshalb so viel über Quantenmechanik, weil die UNESCO das Jahr 2025 zum „Internationalen Jahr der Quantenwissenschaft und -technologie“ ausgerufen hat? Oder verdient eine vor 100 Jahren gemachte Entdeckung, genau jetzt gefeiert zu werden, weil sie aktuell einen derartigen Entwicklungsschub erfährt, dass sie nicht nur das laufende, sondern alle der Menschheit noch bleibenden Jahre so massiv prägen wird wie keine Entdeckung zuvor? Für die Kunst jedenfalls scheint die Quantenmechanik ein besonderes Herz zu haben, und auch wenn das, was aktuell unter „Quantenkunst“ läuft, eher keinen bleibenden Eindruck hinterlässt: die Beziehung von Kunst und Wissenschaft hat dank Quanten ordentlich Auftrieb erhalten.
Kunst und Quanten – eine Wesensverwandtschaft
Wer sich mit den Grundlagen der Quantenmechanik beschäftigt und ein wenig mit Kunst auskennt, wird auf Anhieb erstaunliche Parallelen im Wesen der beiden ausmachen. Natürlich kann man die Auseinandersetzung mit den Grundlagen auch weglassen, aber damit würde man einer landläufige Einschätzung Vorschub leisten, der zufolge niemand Quantenmechanik versteht, weil da unerklärliche Dinge passieren – und damit wären wir bei der ersten Gemeinsamkeit. Beide Disziplinen umweht eine mystische Aura, beide sind nur etwas für Menschen, die eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Materie nicht scheuen, und beide spielen selber gern mit dem Nimbus des Unerreichbaren. In diesem Kontext zu lesen ist etwa das berühmte Zitat des Physikers Richard Feynman von 1965, „I can safely say that nobody understands quantum mechanics“, denn tatsächlich kann man die Basics durchaus verstehen. Dazu reicht schon ein typisches Erklärvideo für Doofe wie dieses auf YouTube oder das Buch „Quantum Physics for Babies“ von Chris Ferrie, und schon versteht man die Bezüge zwischen Quanten und Kunst.
Erweiterung von Raum und Zeit
Vom binären Wert zu einem Möglichkeitsraum, in dem ein Wert nicht nur Null oder Eins, sondern auch alles dazwischen sein kann… Vom statischen Zustand eines Objektes zu einem System, das gleichzeitig in mehreren Zuständen existiert… Teilchen, deren Eigenschaften über größte Distanzen miteinander verbunden bleiben… Nichts ist sicher, aber alles ist möglich, nichts eindeutig bestimmbar, alles mehrdeutig, alles weist über sich selbst hinaus in unerforschte, möglicherweise neue Welten (wobei die erstmals von Hugh Everett formulierte und von Bryce DeWitt weiter ausgearbeitete Viele-Welten-Theorie, nach der sich ein Quantensystem vereinfacht gesagt in zahlreiche neue, nicht miteinander verbundene Parallelwelten aufspalten kann, keine sichere Basis hat)… All das sind Aspekte, die ein Gefühl von Seelenverwandtschaft zwischen Kunst und Quantenmechanik erzeugen. Kein Wunder, dass die Kunst Phänomene wie Qubits, Superposition oder Quantenverschränkung als Bestätigung ihrer Daseinsberechtigung betrachtet – als perfekte Metaphern für ihr Streben danach, etwas zu schaffen, das über sich selbst hinausweist.

Energie und Materie
Der Welle-Teilchen-Dualismus in der Quantenmechanik verhält sich wie das Verhältnis von Konzept und Materie in der Kunst. Ein Teilchen wird zur Welle, Materie zu Energie? Kunst ist der Inbegriff dieser Verwandlung: Gute Kunst hat zum Ziel, einer Idee bildliche Gestalt zu verleihen und verwendet dafür ein passendes Medium, das diese Idee optimal visualisiert, sich dabei aber in den Dienst des Inhalts stellt. Im Idealfall geht das Medium im Konzept vollends auf: Materie wird zu Inhalt, und dieser Inhalt wird in einem Spannungsfeld aus sinnlicher und intellektueller Wahrnehmung übermittelt. Man muss nicht esoterisch veranlagt sein, um die Energie zu spüren, die von einem Werk ausgeht, dass so ein Spannungsfeld zu erzeugen vermag. Das hat auch etwas damit zu tun, dass ein Werk eher das Ergebnis vieler Schritte eines veränderlichen Prozesses ist statt die Umsetzung eines statischen Plans. Was wiederum erklärt, warum ein Werk nie völlig identisch kopiert werden kann (ausgenommen digitale Dateien) – und dies wiederum verweist auf eine weitere Gemeinsamkeit mit der Quantenwelt, in der ein Experiment bei mehrfacher Ausführung unter konstanten Bedingungen unterschiedliche Ergebnisse erzielt.
Der Beobachtereffekt
Dass ein Phänomen allein dadurch, dass es der Betrachtung ausgesetzt ist, seinen Zustand ändern kann, wusste die Kunst natürlich schon immer. Keine Kunst ohne Publikum, und ein Kunstwerk wird erst durch die Betrachtung vervollständigt. Natürlich sieht das menschliche Auge nicht auf subatomarer Ebene und gesteuert von einem „Quantenbewusstsein“, aber dass sich ein Werk bei der Betrachtung zu verändern beginnt, ist ein bekanntes Phänomen, ob auf optischer Ebene – etwa wenn Farben zu flirren beginnen oder ein Motiv über den Bildrand hinauszutreten scheint – oder auf kognitiver, etwa wenn die Reihenfolge, in der bestimmte Details betrachtet werden, die Deutung eines Bildes verändert.
Möglicherweise hat auch die Veränderung in der Beziehung von Quantenmechanik und Kunst etwas damit zu tun, dass diese aktuell so stark unter Beobachtung steht, sicher ist jedenfalls, dass Forschungseinrichtungen und Technologieunternehmen noch nie so proaktiv die Arme nach Kunstschaffenden ausgestreckt haben, wie es aktuell bei Organisationen von CERN über Google bis Yale University der Fall ist. Beispiele für solche Kooperationen (und was die Cheshire Cat oder Grinsekatze von Lewis Carroll damit zu tun hat) liefert „Kunst und Quanten: Teil II“.