Für die technologiebasierte Kunst war 2025 ein Jahr ohne Hypes, Skandale und bahnbrechende Entwicklungen. Für einen Jahresrückblick hat es trotzdem gereicht.

Auch wenn es zum Schluss nochmal ordentlich Fahrt aufgenommen hat, zusammengefasst ließe sich das Jahr 2025 in Sachen Kunst und Tech eher als unauffällig beschreiben. Ständig war die Rede von „Konsolidierung“, über allem lag ein Gefühl von Stabilisierung und Reifung in Bezug auf konzeptuelle Komplexität, historische Kontextualisierung und kuratorische Tiefe – und ja, auch in Bezug auf den On-chain-Kunstmarkt, wobei es zwar ein bisschen Euphemismus braucht, um diesen als konsolidiert zu bezeichnen, aber er ist ja noch so jung… Mit krassen Hypes, saftigen Skandalen oder bahnbrechenden Innovationen kann der folgende Jahresrückblick jedenfalls nicht aufwarten, aber die für jeden Monat exemplarisch ausgewählten Meldungen sind als Schlaglichter auf potentiell durchaus weitreichende Entwicklungen zu verstehen, die uns auch im kommenden Jahr begleiten werden.
Januar
Während die Dokumentation „Minted“ auf PBS die weithin bekannte Volatilität des NFT-Marktes durchkaut, eröffnet mit dem Metropolitan Museum of Art eines der bekanntesten Museen der Welt einem breiten Publikum einen spielerisch innovativen Zugang zum Thema Blockchain: Durch das Spiel „Art Links“ kann man die Sammlung entdecken, Verbindungen zwischen Exponaten herstellen, digitale Collectibles gewinnen – und nebenbei erfährt man auch noch etwas über die historischen Dimensionen von Technologie in der Kunst.
Relevanz? Wenn sich eine der geschichtsträchtigsten Marken der Kunstwelt als Web3-Vorreiter positioniert, haben auch vermeintlich modernere Häuser keinen Grund mehr, sich nicht zu bewegen.
Februar
In Sachen KI liegt alle Aufmerksamkeit auf Paris, wo der von Frankreich und Indien ausgerichtete Artificial Intelligence Action Summit stattfindet, was das französische Kulturministerium zum Anlass nimmt, für die Villa Albertine (Institution für den franko-amerikanischen Kulturaustausch) das Förderprogramm „Arts in the Age of AI“ zu lancieren.
Relevanz? Nachdem europäische Kulturpolitik und die damit verbundene öffentliche Kunstförderung technologiebasierte Kunst bislang kaum auf dem Schirm hatte und sich in Deutschland bisweilen sogar technologiefeindlich äußert, macht dieser vorbildhafte Schritt Hoffnung auf einen Wandel.
März
Mit „Augmented Intelligence“ fährt die erste ausschließlich KI-generierter Kunst gewidmete Auktion der Welt bei Christie’s ein rund 20 Prozent über dem Verkaufsziel von 600,000 US$ liegendes Ergebnis ein. Umsatztechnisch nicht gerade bemerkenswert, die hitzige Debatte im Vorfeld umso mehr: auf der einen Seite Kritik bezüglich Copyrightgrauzonen, unlauterer Bereicherung und schwacher Qualität, auf der anderen Freude über einen innovativen Schritt und ein neues Marktsegment. Der offene Brief, zu dem diese Auktion über 1000 Kunstschaffende motivierte, wurde zwar vielzitiert, brachte der Auktion aber nur mehr Aufmerksamkeit ein, anstatt sie zu verhindern.
Relevanz? Klassischerweise gelten Kunstproduktion und -markt als voneinander getrennte Bereiche. Dass der Kunstmarkt im Gegenteil untrennbarer Bestandteil von Produktion und Vermittlung ist und auch als solcher betrachtet werden sollte, wird interessanterweise ausgerechnet mit dem Eintritt von technologiebasierter, also vom Markt bislang eher abgewiesener Kunst in den Markt deutlich.
April
Bereits im Frühjahr zeigt sich, KI wird das Jahr 2025 auch in der Kunst beherrschen: Das künstlerische Interesse an KI verlagert sich zunehmend vom Werkzeug auf das Modell und wird „the model is the message“ zum Motto des Jahres machen, und auch auf dem Kunstmarkt bleibt KI-generierte Kunst ein hot topic. Eine Studie der Standford School of Business über den Einfluss von KI-generierten Inhalten auf den Konsum von bildender Kunst, Musik und Literatur kommt zum Schluss, dass KI den Markt extrem ankurbelt (in manchen Sparten ist ein Anstieg von 39% zu verzeichnen), menschgemachte Inhalte aber tatsächlich zu verdrängen droht.
Relevanz? Die Frage, ob KI-generierte Inhalte zum Verschwinden von rein menschlichen Erzeugnissen führen können, ist einer der größten Angsttreiber beim Thema KI und kann zwar leicht verneint werden, dazu muss aber originär menschliche Kreativität zur Schlüsselkompetenz erhoben werden, und das wiederum erfordert einen Diskurs in Kultur, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Mai
Und schon wieder sticht in Sachen Kunst und Technologie Frankreich hervor: die Schweizer Fondation Etrillard lanciert gemeinsam mit der französischen Académie des beaux-arts den „Prix Arts Numériques“ für digitale Kunst im europäischen Kunstschaffen. Hauptkriterium für die Auszeichnung ist eine dialogische Anbindung an die Inhalte der Akademie (aus einer Shortlist von drei Positionen wird im November 2025 Jonas Lund zum Preisträger gekürt werden).
Relevanz? Brückenschläge zwischen „alter“ und „neuer“ Kunstwelt sind nach wie vor selten, und dieser ist besonders wertvoll, weil die Kunstakademie die technologiebasierte Kunst in den Kanon der von ihr repräsentierten Künste aufnimmt.
Juni
Nachdem aus der Entwicklung von Bildschirmen, immerhin einer der für digitale Kunst wichtigsten Produktsparten, lange erstaunlich wenig zu vermelden war, überrascht Layer, ein hoch selektiv kuratiertes Angebot digitaler Kunst, mit einem High-End-Bildschirm namens Layer Canvas, der generative Kunst in Echtzeit rendern und an die Lichtverhältnisse seiner Umgebung angepasst wiedergeben kann. Das Ergebnis kann vor jedem Turner bestehen, ist aber leider nur optimiert für das Layer-eigene Angebot, und es bleibt das Problem des statischen Formats, das eine flexible Ausspielung verschiedener Formate aus verschiedenen Quellen verhindert.
Relevanz? Öl auf Leinwand kann in jeder beliebigen Größe gerahmt werden, während digitale Kunst nach wie vor in vorgegebene Formate gepresst wird, weil individuelle Größen zwar mittlerweile möglich, aber exzessiv bepreist sind – viel Raum für Businessideen…
Juli
Das kalifornische Berufungsgericht spricht den Künstler Ryder Ripps frei, nachdem er zunächst zu einer Millionenstrafe verurteilt worden war, weil er Motive aus dem erfolgreichsten NFT-Projekt aller Zeiten, dem Bored Ape Yacht Club (BAYC) aus dem Hause Yuga Labs kopiert, beziehungsweise seinem Verständnis nach vielmehr appropriiert hatte. Zum Zeitpunkt dieses Jahresrückblicks ist der Fall zwar nach wie vor nicht vollends geklärt, da er wieder zurück ans Bezirksgericht gereicht wurde, als Sieg kann Ripps ihn dank höchster Aufmerksamkeit dennoch für sich verbuchen.
Relevanz? Durch seine Appropriation hat Ripps klar verdeutlicht, dass die Einzigartigkeit und Unkopierbarkeit eines NFTs nicht für das Motiv gilt, sondern nur für seine Blockchainadresse, und wer diese erstellt hat, gilt als Urheber eines Werkes, auch wenn das auf diese Weise gesicherte Motiv von einer anderen Person erschaffen wurde. Blockchain rules!
August
Interessant, dass das Sommerloch selbst innovationsgetriebenste Gefilde erfasst – in Sachen Kunst und Tech ist es jedenfalls ziemlich still. Bis gegen Ende des Monats The New Yorker mit seiner Titelstory „A.I. is Coming for Culture“ und der Frage, was vom Menschen übrig bleibt, wenn KI ihm nicht nur die ganze Arbeit, sondern auch seine Kulturproduktion abgenommen haben wird, durch die Feeds geistert – allerdings kaum die der Kunstwelt…
Relevanz? Der Kunstbetrieb als höchste Instanz der Kreativität scheint es für so selbstverständlich zu halten, dass der Fortbestand des Menschen durch seine Kreativität gesichert bleibt, dass dieser Umstand keiner Aufmerksamkeit bedarf. Tatsächlich aber wird dem nur sein, wenn Kreativität entsprechend verhandelt, ermöglicht und höher bewertet wird. Gerade der Kunstbetrieb hätte hier viel beizutragen und sollte sich dringend in den Diskurs begeben, der aktuell eher von Industrie und Kreativagenturen geführt wird.
September
Wie definiert sich Luxus? Eine Frage, die in der High-end-Konsumindustrie seit Jahrzehnten verhandelt wird. Im Kunstbetrieb dagegen natürlich nicht, ist Kunst doch genau die Sorte Luxus, die keiner Definition bedarf. Bis jetzt. Die Übernahme von Platform, der von David Zwirner betriebenen Onlinehandelsplattform für Kunst, durch Basic.Space, wiederum Handelsplattform für Luxusgüter aus Mode, Design und Lifestyle (noch so ein Wort, das in der Kunst bislang keinen Platz hatte) und Hüter einer zeitgemäßen Form von „New Luxury“, ist nur einer von näherkommenden Einschlägen.
Relevanz? Die Online-Verfügbarmachung von Kunst hat sie in die Nähe anderer Produktsorten gerückt bzw. vielmehr erstmals als Produkt klassifizier- und wahrnehmbar gemacht und die Erschließung neuer Zielgruppen und Absatzmöglichkeiten eröffnet. Diese Nähe abzuwehren steht für einen Schutzreflex, den Kunst schon lange nicht mehr braucht – sie wird immer mehr sein als Produkt, auch wenn als solches gehandelt.
Oktober
Erstmals im September verlautbart, dauert es ein paar Wochen, bis die volle Tragweite des Vorhabens von Thomas S. Kaplan klar wird: Der Altmeister-Sammler (The Leciden Collection, enthält u.a. die höchste Anzahl von Rembrandts in einer Privatsammlung) will seine Sammlung fraktionalisieren und an der Börse handeln. Nachdem er Werke daraus eh schon die ganze Zeit öffentlich leiht und seine Erben kein Interesse daran haben, plant er einen IPO voraussichtlich an der New Yorker Börse.
Relevanz? Dass Museen kein Geld haben, hat viel mit einer Abwehr von privat-staatlichen Kooperationen und mit statischem Besitzverständnis zu tun. Wird fraktionalisiertes Eigentum und private Sammlungsteilhabe über digitale Tokens in der digitalen Kunst durchaus ausgetestet, könnte das Altmeisterbeispiel von Kaplan Vorbild auch für traditionellere Häuser sein, zumal die Verbindung von privat besessener und öffentlich organisiert ausgestellter Kunst dank Leihverkehr ja bereits genauso etabliert ist wie der Anspruch demokratischer Teilhabe.
November
Während die Art Basel schon ordentlich die Trommel rührt für ihren Digitalkunstaufschlag „Zero 10“ in Miami, versammelt in Berlin das von Kuratorin Anika Meier vorgelegte Ausstellungs- und Konferenzprojekt „Art on Tezos“ so ziemlich alles an Themen, Menschen und Werken, was man aktuell auf dem Schirm haben sollte, wenn man sich für Kunst und Tech interessiert. Und die Galeristin Kate Vass präsentiert mit „Collecting Art Onchain“ nicht einfach nur ein Buch über blockchainbasierte Kunst, sondern einen Kanon, geschrieben von den Sammlerinnen und Sammlern dieser Kunst selbst.
Relevanz? „Community“ ist ein vielgenutzter Begriff in der digitalen Kunst, oft euphemistisch, leer, falsch. Was aber stimmt und was die o.g. Beispiele zeigen, ist ein Bewusstsein für die Kraft kollektiver Teilhabe, die ihre eigenen Diskurse, Visionen und Geschichte generiert. Produktion, Vermittlung, Einordnung stehen so stärker in Beziehung zueinander, und das eröffnet Zugänge, wie man sie auch zum traditionellen Teil des Kunstbetriebs gern mehr fände.
Dezember
Einige bedeutende Institutionen von ZKM Karlsruhe bis LACMA Los Angeles haben bereits CryptoPunks in ihrer Sammlung, aber kaum ein Ankauf hat für soviel Aufmerksamkeit gesorgt wie der durch das MoMA. Schließlich handelt sich um eines der bekanntesten und einflussreichsten Museen der Welt, und es wurden neben acht CryptoPunks auch noch acht Chromie Squiggles erworben. Der springende Punkt war aber wohl, dass der Ankauf durch Spenden bedeutender Sammler wie Ryan Zurrer und Cozomo de’ Medici ermöglicht wurde.
Relevanz? Interessant ist nicht so sehr die institutionelle Anerkennung von Onchain-Kunst (die fortwährend in künstlich überhöhter Empörung vermisst, in Wahrheit aber durch Ankäufe wie diese bestätigt wird), sondern dass Ankäufe wie diese durch Personen ermöglicht werden, Crypto Natives wie Ryan Zurrer, die noch vor ein paar Jahren nicht mal davon träumen durften, einen Sitz in den Boards und Ankaufgremien eines MoMA zu besetzen und die jetzt als Experten und treibende Kräfte digitaler Kunst die Ankaufsstrategien entscheidend beeinflussen.